Figurenspiele
Katharina Sykora
336 Seiten, 300 Abb., 155 x 225 mm, Klappbr.. zahlreiche farbige Abbildungen
September 2013
38,– €
sofort lieferbar
ISBN 978-3-89472-866-3
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Figurenspiele

Texte zum Film

Der Band analysiert prototypische Figuren des Erzählkinos, die ihr Potenzial, sich selbst zu zeigen, demonstrativ ausspielen und durch intermediale Referenzen doppelt reflexiv werden. Im Vergleich mit Figurenkonzepten der Literatur und bildenden Kunst arbeiten die Aufsätze das filmische Zusammenspiel von Gestalt, Kostüm, Auftritt, Bewegung, Interaktion, Umgebung, Licht, Sprache, Ton und Musik heraus. Der Übergang von der Figur zur komplexen audiovisuellen Konfiguration erweist sich dabei als fließender Prozess innerhalb eines offenen raumzeitlichen Gefüges.

Inhalt

Inhalt

Figurenspiele. Texte zum Film

Das Erzählkino lebt von seinen Haupt- und Nebenfiguren. Ihr Auftritt, ihre Gestalt und ihre Interaktionen bestimmen wie selbstverständlich die Narration. Doch die Geschmeidigkeit, mit der sie sich in das filmische Bild, die mise en scène und den Erzählfluss fügen, ist Ergebnis eines komplexen Arrangements. Und erstaunlich viele Figuren sperren sich gegen diese Passförmigkeit und eröffnen ein zweites Spielfeld des Witzes und der Reflexivität.
Die Figur ist ein Repräsentationsmodell mit vielen semantischen Facetten, die bis auf die Antike zurückgehen. Dabei konstituiert sich Figur immer im Verhältnis zu einer Umgebung. In den visuellen Künsten spricht man von der Figur-Grund-Relation, in den darstellenden Künsten vom Bezug zwischen Szene und Figur und in der Literatur von Figuren, die durch Sprache, Schrift, Rhetorik und Lektüre entstehen. Den älteren Figur-Konzepten liegt die Vorstellung von Einheit zugrunde. Demnach wird die Figur im einzelnen Bild optisch durch ihr räumliches wie figürliches Umfeld zur geschlossenen Gestalt geformt, bündelt beim Durchmessen der Bühne zur linearen Bewegungsfigur oder wird durch Dekorum und Sprache zur homogenen Rollen- und Handlungsfigur. Ihrem Wechsel zwischen Statik und Dynamik, Kontraktion und Außenbeziehung entspringt jedoch eine Offenheit und Beweglichkeit zweiter Ordnung, die das Konzept der Figur in das der Figuration und Konfiguration überführt.
Erich Auerbachs Studie zur «Figura» nimmt das erstmalige Erscheinen des Wortes in der Antike zum Ausgangspunkt und leitet es aus dem gemeinsamen Wortstamm von lateinisch fingere und effigies ab. Demnach bedeutet es «plastisches Gebilde». ‹Herausarbeiten der Figur aus einem Fonds› wäre eine technische Beschreibung hierfür, das italienische ‹fare bella figura› nimmt eher den theatralen Sinn auf. Gabriele Brandstetter und Sibylle Peters haben Auerbachs Überlegungen fortgesetzt und die Performativität herausgearbeitet, die dem Figurbegriff innewohnt. Demnach steht die Figur einerseits im Zusammenhang mit Begriffen wie forma, statua oder imago und verzahnt sich mit den Qualitäten von Urbild, Abbild und Scheinbild. Andererseits ist figura weniger referenziell und weniger statisch als diese. Sie vermittelt stärker die Tätigkeit des fingere im Sinne des Machens und Vorgebens als die fixierende Bildung der Gestalt. Das «plastische Gebilde» akzentuiert daher den Prozess, in dem sich die Figur aus dem Grund, aus der Szene, aus der Handlung herausbildet, wobei sich beide wechselseitig bedingen und verändern.
Visuelle Figur-Grund-Probleme, Ausstattung und Kostüme erscheinen für die Figur im Film ebenso zentral wie ihre Charakterisierung durch Mimik, Gestik, Habitus und Sprache. Hinzu kommt die darstellerische Entwicklung der Figur innerhalb der Szene durch die Performanz der Schauspieler und Schauspielerinnen und durch das, was sie als Stars mit in das Geschehen einbringen. Figur-Konzepte, denen die Vorstellung von Einheit zugrunde liegt, erweisen sich auch im Film als wirksam. Im Unterschied zum statischen Bild, zum Theater oder zur Literatur ist die Figur im Erzählfilm jedoch wesentlich stärker durch die raumzeitliche Dimension des Werdens bestimmt und bezieht daraus ihre Spannung. Die Repräsentation verbindet sich mit der des «Lebendig Bewegten, Unvollendeten, Spielenden» und öffnet sich hin zum Prozessualen.
Die Figur im Film lässt sich daher als Dreh- und Angelpunkt spannungsreicher Entwicklungen der Figuration, Gestaltung und Verkörperung verstehen. Und der Erzählfilm vermag in besonderer Weise zu zeigen, wie die Figur sich durch immer neue Konfigurationen entfaltet und zugleich den Abstand zwischen sich und ihrem Umfeld markiert. Dabei findet oft eine Verschiebung statt von der Figur als Repräsentation einer vorfilmischen Person hin zur Spielfigur, die sich im Zitat ihrer Präfigurationen stets neu generiert.
Diese dynamisierende und reflexive Kraft der Figur hat sich rückblickend als ein wichtiger Leitfaden meines Schreibens über Film herauskristallisiert. Der Band Figurenspiele versammelt daher ausgewählte Aufsätze, die nach der Konstruktion prototypischer Figuren im Erzählfilm der 1920er Jahre bis heute fragen. Sie verstehen die Filmfigur als komplexe relationale Größe, die ihren audiovisuellen Konstruktionscharakter und ihre zeitliche Entfaltung selbstbewusst vorzeigt. Einem autobiografischen Blick entsprechend, sind die hier abgedruckten Texte mit nur wenigen Modifikationen in ihrer ursprünglichen Fassung wiedergegeben.

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