Découpage
Guido Kirsten
200 Seiten
1. Auflage, Mai 2022
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ISBN 978-3-7410-0420-9
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Découpage

Historische Semantik eines filmästhetischen Begriffs

Das zentrale Element der Regiearbeit sei für ihn die Découpage, ließ Eric Rohmer 2004 in einem Interview mit den Cahiers du cinéma seine Gesprächspartner wissen: „Zu filmen, das heißt zu wissen, wo man die Kamera platziert und wie lange sie dort verharren soll. Die Découpage ist für mich das Geheimnis.“

Dem Geheimnis von Praxis und Theorie der Découpage begibt sich dieses Buch auf die Spur. Es verfolgt das Konzept zurück bis in die Zeit seiner Entstehung in den 1910er-Jahren und begleitet es durch die wechselhafte Filmgeschichte des 20. Jahrhunderts: von der Entwicklung und Verbreitung durch den Publizisten, Produzenten und Regisseur Henri Diamant-Berger, für den die Découpage im Film so wichtig war wie die Zeichensetzung im schriftlichen Text, über die künstlerische Aneignung des Konzepts durch die impressionistische Avantgarde der 1920er (Louis Delluc, Germaine Dulac, Jean Epstein), seine Ausdifferenzierung im Zuge zunehmender Kommerzialisierung und Arbeitsteilung im Tonfilm der 1930er und erste Höhepunkte in der Auseinandersetzung mit dem Konzept in der cinephilen Publizistik der 1940er- und 50er-Jahre. Zu jener Zeit avancierte die Découpage zum zentralen Begriff in einflussreichen Schriften des Filmkritikers und -theoretikers André Bazin und bei vielen seiner Zeitgenossen (Alexandre Astruc, Albert Laffay, Roger Leenhardt). Im Zuge späterer Entwicklungen der französischen Filmtheorie (Semiologie, Ideologiekritik, textuelle Analyse) wurde das Konzept dann verdrängt und marginalisiert und behielt nur vereinzelt – so im Werk des Theoretikers Noël Burch – einen wichtigen Stellenwert.

Die Verdrängung des Konzepts und die bald mangelnde Kenntnis seiner Bedeutung trugen zu falschen oder missverständlichen Übersetzungen bei. Im Englischen wurde das Wort meist als cutting oder editing wiedergegeben, im Deutschen als „Schnitt“. Semantisch liegt dies insofern nahe, als découper tatsächlich „zerschneiden, ausschneiden, aufteilen, zerlegen“ heißt. Im dominanten Wortsinn, als Bezeichnung einer bestimmten filmischen Praxis, ist damit jedoch nicht das physische Zerschneiden (und anschließende Zusammenkleben) des Filmstreifens gemeint, sondern das Zerlegen des filmischen Raums in einzelne Einstellungen und damit die Aufteilung einer Handlung auf eine Einstellungsfolge. Im Deutschen kommt dem der Ausdruck „szenische Auflösung“ am nächsten.

Die Découpage lässt sich entsprechend verstehen als Über- oder Umsetzung eines in textlicher oder gedanklicher Form existierenden raumzeitlichen oder narrativen Kontinuums in eine gegliederte bewegtbildliche Form. Dazu gehört die Festlegung der Einstellungsgrößen und ihrer Dauer, die Situierung der Kamera im Verhältnis zu den Darsteller*innen und dem Dekor (die Kadrierung) sowie die Entscheidung für bestimmte Kamerabewegungen und -winkel. Während der Schnitt nach dem Dreh erfolgt, wird die Découpage üblicherweise vor den Dreharbeiten entworfen.

Als erste Monografie, die sich diesem Thema widmet, hat Découpage das Potenzial zum film- und medienwissenschaftlichen Grundlagenwerk.

Inhalt

EINLEITUNG

Aspekte des Découpage-Begriffs
Theoriegeschichte schreiben: Fragen der Methode
Zur Darstellungsweise

1. KAPITEL: Von der Emergenz verschiedener Begriffsvarianten zur Frage der Autorschaft

Binnendifferenzierung und Einheit des Découpage-Begriffs
Découpage und Mise en Scène
Découpeur: Beruf oder Funktion?
Amerikanische Découpage
Découpages: Drehbuchauszüge und 'cinegraphische Kompositionen'
Zum Verhältnis von Découpage und Filmdreh
Resümee und Ausblick

2. KAPITEL: Die Ausdifferenzierung des Konzepts im Tonfilm und die Découpage als écriture

Die Découpage in der Tonfilmproduktion
Découpage littéraire und découpage technique
Découpage und Rhythmus
Découpage vs. Montage
Découpage als Stil
Eine eigenwillige Poetik der Découpage
Resümee und Ausblick

3. KAPITEL: Von der Verdrängung des Begriffs und seinem subkutanen Fortleben

Das Verschwinden der Découpage in den Cahiers du cinéma
Zur Marginalisierung des Konzepts in der entstehenden Filmwissenschaft
Ein pejorativer Découpage-Begriff
Lehrbücher und Übersetzungen

4. KAPITEL: Zur Renaissance und Neubewertung der Découpage

Découpage als Faktur
Wiederentdeckungen
Neue Paradigmen
Poetik und Ästhetik: Ein Ausblick

SCHLUSSWORT

LITERATURVERZEICHNIS

INDEX
Personen
Filme

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