Ressentimentalität
Jörg Metelmann

Marburger Schriften zur Medienforschung [60]

356 Seiten, 14 x 21 mm, zahlr. Abb.
Februar 2016
29,90 €
ISBN 978-3-89472-919-6
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Ressentimentalität

Die melodramatische Versuchung

Die hier versammelten Studien beschäftigen sich mit der emotionalen Moderne. Eingebettet in das Feld des Melodrams, einen der prominentesten, da vielseitigsten und wandlungsfähigsten Darstellungsmodi der letzten 250 Jahre, verfolgen sie die kulturwissenschaftliche Frage, wie Gefühle historisch und je nach Kontext artikuliert und wahrgenommen werden können. Eine leitende Hintergrundthese aller Abhandlungen ist die interdisziplinär gestützte Einsicht, dass die aufklärerischen Prinzipien Rationalität, Emanzipation und Fortschritt nicht ohne ihr Anderes,
moralische Gefühle und Ressentiment, denkbar sind. Das Melodram als Medien-Hybrid, der mittels narrativer Zuspitzung, Non-Verbalität und Spektakel auf moralisch klare Positionierung zielt, lässt sich vor diesem Hintergrund als Kompensationsmodus begreifen, der die Zumutungen der Moderne – Enthierarchisierung, Funktionalisierung, Uneindeutigkeit – ästhetisch zu bearbeiten versucht. Der Fokus des Melodrams auf Viktimisierung und das Problem der Gerechtigkeit (nach dem Verlust eines göttlichen Ausgleichsmechanismus) ermöglicht es, die über die Jahrhunderte drängenden sozialen Fragen einer Gesellschaftsform in Bewegung zu thematisieren und medial zuzuspitzen.

TESTIMONIALS

Der Kern von Metelmanns modernetheoretischer Interpretation des Melodrams ist ein ‚Drei-Vektoren-Modell‘, das eine spezifi sche narrative und ästhetische Struktur mit der Ressentimentalität als Kern des Modus verbindet: Das Melodram markiert die Kehrseite des aufklärerischen Universalismus, indem es gesellschaftliche Opfer und unverschuldetes individuelles Leiden repräsentiert und dramatisiert, an das Mitleid mit diesen appelliert, ihre Schwäche in eine moralische Stärke verwandelt, ohne dass sich jedoch eine politische Lösung für das Leiden

bieten würde. Einerseits werden damit sozial Benachteiligte ‚demokratisch‘ repräsentiert, zugleich wird das Opfersein aber entpolitisiert und emotionalisiert: Der gesellschaftliche Rahmen, in dem und an dem der Einzelne leidet, bleibt unthematisiert und steht somit nicht zur Disposition. Im Melodram wird den Zukurzgekommenen eine Stimme und Überlegenheit gegeben, dies alles aber im Rahmen eines bürgerlichen medialen Komplexes. Insgesamt erweist sich das „melodramatische Feld“ als treibende Kraft einer „gefühlsethischen Wende“ in der Kultur der Moderne, die sich mittlerweile auch auf globaler Ebene als enorm anschlussfähig erweist. Gerade diese Struktur der Ressentimentalität macht die Pointe der melodramatischen Gefühlskultur aus – eine starke, originelle These.

Andreas Reckwitz

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